Beratung, die die Möglichkeit eines Traumas mitdenkt
Manches, was heute in Beziehungen, Konflikten oder im eigenen Erleben schwer verständlich wirkt, hat sich über längere Zeit entwickelt. Frühe Erfahrungen von Nähe, Schutz und Verlässlichkeit können bis heute prägen, wie Du fühlst, reagierst und mit anderen in Kontakt gehst. Deshalb beginnt dieser Bereich mit Bindungs- und Entwicklungstrauma. Anschließend geht es um die 4F-Traumatypen nach Pete Walker.
Trauma bedeutet seelische Wunde. Erlebnisse können emotional so belastend sein, dass sie unser Bewältigungssystem überfordern. Können wir in solchen Situationen weder kämpfen noch flüchten, schaltet unser Nervensystem um und schützt uns, indem es uns vom Körperempfinden abschneidet – wir dissoziieren. Ob ein Mensch eine Situation als traumatisch erlebt, ist individuell. Zwei Menschen können dasselbe erleben und nur einer von ihnen speichert das Erlebnis als traumatisch ab.
Nicht jede traumatisierende Erfahrung besteht aus einem einzelnen, klar abgrenzbaren Ereignis.
Manche Belastungen entstehen innerhalb enger Beziehungen und über einen längeren Zeitraum – besonders in Lebensphasen, in denen ein Mensch auf Schutz, Orientierung und die Unterstützung anderer angewiesen ist.
Kinder brauchen Erwachsene, die sie beruhigen, ihre Signale wahrnehmen, ihre Gefühle einordnen und ihnen vermitteln:
Du bist sicher. Du bist nicht allein. Mit dem, was Du fühlst, kann umgegangen werden.
Wenn diese Erfahrungen wiederholt fehlen oder Beziehungen von Angst, Abwertung, Gewalt, Kontrolle, Unberechenbarkeit oder emotionaler Abwesenheit geprägt sind, kann sich das auf die weitere Entwicklung auswirken.
Dabei ist nicht nur bedeutsam, was geschehen ist.
Auch das, was ein Kind gebraucht und nicht bekommen hat, kann Spuren hinterlassen:
Schutz.
Trost.
Verlässlichkeit.
Orientierung.
Interesse.
Unterstützung im Umgang mit starken Gefühlen.
Bindungs- und Entwicklungstrauma
Wie sich frühe Erfahrungen heute zeigen können
Bindungs- und Entwicklungserfahrungen können beeinflussen, wie ein Mensch später mit Nähe, Distanz, Konflikten und eigenen Bedürfnissen umgeht.
Vielleicht …
- hast Du starke Angst, verlassen oder ersetzt zu werden.
- fällt es Dir schwer, anderen wirklich zu vertrauen.
- wirst Du in Beziehungen schnell eifersüchtig oder kontrollierend.
- passt Du Dich stark an, um keinen Konflikt auszulösen.
- ziehst Du Dich zurück, sobald Nähe oder Gefühle zu intensiv werden.
- fällt es Dir schwer, Deine eigenen Bedürfnisse zu erkennen.
- übernimmst Du viel Verantwortung für andere.
- fühlst Du Dich schnell abgelehnt, kritisiert oder nicht wichtig.
- reagierst Du in bestimmten Situationen plötzlich viel jünger, kleiner oder hilfloser, als Du Dich sonst erlebst.
Diese Reaktionen entstehen nicht grundlos.
Sie können mit früheren Erfahrungen verbunden sein, in denen bestimmte Schutzstrategien notwendig waren, um Beziehung zu erhalten, Angst zu bewältigen oder mit Überforderung umzugehen.
Im Heute beginnen
Es geht nicht darum, jedes heutige Problem auf die Kindheit zurückzuführen.
Ausgangspunkt ist das, was heute geschieht:
Welche Situationen treffen Dich besonders stark?
Was löst Nähe, Distanz, Kritik oder Unsicherheit in Dir aus?
Welche Reaktion übernimmt dann?
Und was brauchst Du heute, damit Du Beziehungen, Konflikte und Grenzen anders gestalten kannst?
Frühere Zusammenhänge werden dort einbezogen, wo sie helfen, Dein heutiges Erleben besser zu verstehen und neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.
Der Psychotherapeut Pete Walker beschreibt vier grundlegende Reaktions- und Abwehrtypen:
Fight – Kämpfen
Flight – Flüchten
Freeze – Erstarren
Fawn – Beschwichtigen und Anpassen
Er geht davon aus, dass sich aus wiederholt benötigten Schutzreaktionen ein dominanter 4F-Typus oder eine Verbindung mehrerer Typen entwickeln kann.
In meiner Arbeit spreche ich dabei von Traumaidentitäten.
Damit meine ich tief verankerte Schutz-, Beziehungs- und Verhaltensmuster, die ursprünglich dabei geholfen haben, mit Angst, Überforderung oder drohendem Bindungsverlust umzugehen.
Diese Traumaidentitäten beeinflussen nicht nur, wie ein Mensch in einer einzelnen Situation reagiert. Sie können auch prägen, wie er sich selbst erlebt, Beziehungen gestaltet, Konflikte bewältigt und versucht, Sicherheit herzustellen.
Deinen Typus verstehen
Fight – Kämpfen
Menschen mit einer ausgeprägten Fight-Reaktion versuchen, durch Stärke, Kontrolle, Wut oder Angriff wieder Sicherheit herzustellen.
Sie werden möglicherweise laut, machen Vorwürfe, bestehen auf einer sofortigen Klärung oder versuchen, die Situation und andere Menschen zu kontrollieren.
Unter der sichtbaren Wut können Angst, Verletzung, Ohnmacht oder die Sorge liegen, nicht wichtig zu sein.
Flight – Flüchten
Flight zeigt sich nicht nur im körperlichen Weggehen.
Menschen können auch in Aktivität, Leistung, Arbeit, Perfektionismus oder ständige Beschäftigung flüchten. Stillstand kann sich schwer aushalten lassen.
In Konflikten entsteht möglicherweise der Wunsch, die Situation schnell zu verlassen, das Thema zu wechseln oder unangenehme Gefühle durch Aktivität auf Abstand zu halten.
Freeze – Erstarren
In der Freeze-Reaktion kann der Zugang zu Worten, Gefühlen und Handlungsmöglichkeiten verloren gehen.
Menschen verstummen, fühlen sich wie eingefroren oder erleben sich innerlich weit weg. Manchmal können sie erst Stunden später benennen, was sie eigentlich sagen oder tun wollten.
Auch starker Rückzug und das Abschalten vom eigenen Erleben können zu dieser Reaktion gehören.
Fawn – Beschwichtigen und Anpassen
Menschen mit einer ausgeprägten Fawn-Reaktion versuchen, Sicherheit über Beziehung und Anpassung herzustellen.
Sie spüren schnell, was andere brauchen, stellen die eigenen Bedürfnisse zurück und vermeiden Konflikte. Sie stimmen möglicherweise zu, obwohl sie innerlich Nein meinen, oder übernehmen Verantwortung für die Gefühle anderer.
Die Angst vor Ablehnung oder Bindungsverlust kann stärker werden als die eigene Grenze.
Die Beschäftigung mit Deinem 4F-Typus kann Dir helfen zu erkennen:
Welche Schutzstrategie übernimmt in schwierigen Situationen besonders schnell?
Was versucht Deine Reaktion zu verhindern?
Was steht Dir in diesem Moment nicht mehr zur Verfügung?
Und was brauchst Du, damit künftig auch andere Reaktionen möglich werden?
Es geht nicht darum, Dich auf einen Typus zu reduzieren.
Es geht darum, die Traumaidentität zu verstehen, die Dein Erleben, Deine Beziehungen und Deine Entscheidungen heute möglicherweise noch stärker bestimmt, als Du es möchtest.
Komme von Deinem “Damals und Dort” ins „Heute und Hier“ – erlebe Dich selbstwirksam.
Häufige Fragen – FAQ
Was ist ein Trauma?
Ein Trauma ist eine seelische Wunde, die durch eine gefährliche Bedrohung entstanden ist und extreme Gefühle wie Angst, Verzweiflung und Ohnmacht auslöste. Die eigenen Bewältigungsmechnismen haben versagt und man fühlte sich der Situation, dem Erleben hilflos ausgeliefert. Es kam in Folge zu einer Erschütterung des Selbst- und des Weltverständnisses. Jede traumatische Erfahrung bedeutet Kontrollverlust.
Welche Symptome können bei einem Trauma möglich sein?
Albträume, Schlafstörung, Grübeln, Flashbacks, Vermeidung, Lähmung, Lust- und Freudlosigkeit, Abstumpfen, Isolation/sozialer Rückzug, nicht alleine sein können, Regression (Einnässen, Einkoten), Angst vor/in Gruppen, Erstarren, innere Leere (Tunnelblick), somatoforme Dissoziation, hypersensible Wahrnehmung, innere Unruhe, Anspannung, Schreckhaftigkeit, Angst vor Dunkelheit, Konzentrationsstörung, aggressives Verhalten, emotional überzogenes Verhalten, Rastlosigkeit (“permanentes Tun”; “Duracell-Häschen”), Konflikte/Streit/Ärger suchen.
Was ist somatoforme Dissoziation?
Körperliche Symptome, die nicht durch körperliche Ursachen bedingt sind (psychosomatische Beschwerden), z.B. chronische Schmerzen und Schwindel, Atemprobleme, Kribbeln, Schweißausbrüche, Übelkeit, Bauchschmerzen, Kopf- und Gesichtsschmerzen, Brustschmerzen, Herzrasen, Blähungen, Rückenschmerzen, Hitzewallungen.
Was ist der Unterschied zwischen Traumafachberatung und Traumatherapie?
In der Traumafachberatung gibt es die 3 Säulen: Psychoedukation (Wissen über Trauma), Stabilisierung und Ressourcenarbeit. In der Traumatherapie gibt es zusätzlich noch die Traumakonfrontation und Integration.
Was bedeutet es, eine traumasensible Haltung zu haben?
Wir gehen in der Traumapädagogik (Arbeit mit Kindern) und der Traumafachberatung (Arbeit mit Erwachsenen) von einer Traumatisierung aus; wir arbeiten mit der Hypothese, es könnte ein Trauma zugrunde liegen. Dementsprechend ist unsere Achtsamkeit erhöht. Ich achte z.B. auf Mikroausdrücke, auf Atmung, Körpersprache, Mimik, Sprechgeschwindigkeit, Schwingung und Atmosphäre. Für mich ist eine traumasensible Haltung Empathie vereint mit Traumawissen. Ich achte auf die Arbeitsgeschwindigkeit, vorhandene Ressourcen, auf die Gestaltung von Übergängen und eine Entschleunigung fürs Nervensystem. Eine traumasensible Haltung ermöglicht, korrigierende Beziehungserfahrungen machen zu können.
Was bedeutet Dissoziieren, Dissoziation?
Im Traumakontext ist das Dissoziieren ein Überlebensmechanismus, der es ermöglicht, sich innerlich vom Erleben zu distanzieren, wenn sich körperlich nicht entfernt werden kann. Es ist ein “Webbeamen”, ein “in Trance sein”. Man beobachtet sich selbst von außen, ohne fühlen zu müssen, was erlebt wird. In diesem Zustand werden alle Sinneswahrnehmungen heruntergefahren. Man fühlt z.B. Schmerz und Panik nicht mehr. Auch die Erinnerung verändert sich. Man kann sich hinterher nicht mehr an alles erinnern. Dissoziation läuft nicht bewusst ab. Sie unterbricht die linke und rechte Gehirnhälfte, was z.B. das Sprachzentrum herunterfährt. Das Denken (im präfrontalen Kortex) ist unterbrochen; die kognitiven Fähigkeiten sind nicht mehr da.
Was sind komorbide Störungen?
Eine psychische Störung, die neben einer anderen psychischen Störung vorhanden ist. Begleiterkrankungen von Trauma sind z.B.: Depression, Angststörung, Zwangsstörung, Essstörung, Selbstverletzung, Suchtproblematik, Suizidalität –
Parasuizidalität, Auffälligkeiten im Bindungsverhalten, sexualisiertes Verhalten, Persönlichkeitsstörungen (z.B. Borderline).
Was macht ein Bindungs- und Entwicklungstrauma so herausfordernd?
Erlebt ein Kind frühkindlich traumatische Ereignisse, so kann es sich nicht ausreichend entwickeln. Es kann in Akutsituationen nichts anderes tun als sich anzuspannen, zu schreien oder zu erschlaffen. Mehr Möglichkeiten hat es nicht zur Verfügung. Diese drei Verhaltensweisen werden mitgenommen und zeigen sich dann auch als Jugendlicher und Erwachsener; oft als “situationsunangemessen”, “übertrieben”, “drüber”. Erlebt ein Säugling, ein Kleinkind bereits vorsprachlich traumatische Ereignisse, so hat es dafür keine Worte, aber das Trauma ist trotzdem im Körper gespeichert. Der Körper erinnert sich, auch wenn keine Worte dafür da sind. Frühkindliche Traumatisierung bedeutet oft, dass sich eine Trauma-Identität entwickelt, die als solche nicht erkannt wird bzw. nicht erkannt werden kann, weil man keinen Vergleich zwischen “vor dem Trauma” und “nach dem Trauma” ziehen kann; Trauma, Überlebensmuster und Traumafolgen sind Normalität. Überlebensmechanismen werden somit als Charakterzüge bzw. als Persönlichkeitsanteile fehlinterpretiert. Man ist sich nicht bewusst, dass man traumatisiert ist und kann somit auch nicht an den Traumafolgen arbeiten. Dies wiederum kann zu Problemen im zwischenmenschlichen Bereich führen. Auch die Gesundheit kann darunter leiden. Durch die frühe Traumatisierung kann sich eine “Daueranspannung” und Stress einstellen, die als solche gar nicht wahrgenommen und als normal erlebt wird. Dies kann auch das Immunsystem belasten. Wer keine Sicherheit erfahren konnte, kann als Erwachsener Sicherheit als Bedrohung erleben, was wiederum das Beziehungsverhalten beeinflusst. Es kann sich auch eine dissoziative Lebensweise entwickeln. Als das muss auf den ersten Blick nicht erkennbar sein; Menschen mit Bindungs- und Entwicklungstraumatisierung können ein äußerlich normales Leben führen.
Was bedeutet es, körperorientiert zu arbeiten?
Körperorientiert bedeutet, anzuerkennen, dass Trauma im Körper gespeichert ist und nicht nur kognitiv gearbeitet werden kann, sondern der Körper mitgenommen werden muss. Neben der Psychoedukation (Wissensvermittlung über Trauma) ist die Körperarbeit meine zweite Hauptsäule. Ich arbeite nervensystemorientiert. Wichtig: Körperberührung findet durch mich nur dort statt, wo es als unterstützend erlebt und gewünscht wird. Übung mit auch körperlicher
Grenzsetzung kann sehr wertvoll und hilfreich fürs Erleben und Verarbeiten sein, ist aber keine Notwendigkeit.
Was ist Co-Regulation?
Co-Regulation ist eine Mit-Regulierung von außen über Bindung. Ich bleibe präsent, bei all dem, was sich in Dir zeigen mag. Ich gebe Halt, wenn Du innere Landschaften erkundest, die Dir noch fremd erscheinen. Ich begleite Deine Erfahrung, im Körper zu sein statt nur im Kopf. Du darfst fühlen, was Du gerade fühlst, auch intensive Emotionen wie Wut z.B., und ich bleibe innerlich stabil und halte den Raum für Dich.
Was bedeutet “den Raum halten” bzw. “den Raum behalten zu bekommen”?
Trauma bedeutet, in der Situation, die uns überfordert hat, allein gewesen zu sein mit den uns überrollenden Emotionen. Wir konnten diese intensiven Emotionen noch nicht allein verarbeiten, noch nicht (aus)halten, noch nicht bewältigen. Es fehlte an der Co-Regulation durch eine Bezugsperson. Raum gehalten zu bekommen bedeutet, mit intensiven Emotionen nicht (mehr) alleine sein zu müssen und sie ausdrücken zu dürfen. So darf und kann Dein Nervensystem lernen, dass Emotionen fließen können, ohne dass sie bewertet werden oder verdrängt werden müssen.
Wann macht eine Traumafachberatung Sinn?
Wenn Du ein leises Ja verspürst, wenn Du die Wahrnehmung, die Ahnung hast, das könnte noch ein Puzzlestück sein, das Deinen Wissensschatz ergänzt, wenn Du schon länger nach Antworten suchst und Dir gefühlt immer noch was fehlt, wenn es Dir schwerfällt, selbstfürsorglich zu sein und Grenzen zu setzen, wenn Dich in den immergleichen Kreisläufen wiederfindest, wenn Du neugierig auf das Thema Trauma bist, wenn Du mit traumatisierten Menschen arbeitest, wenn ein*e Angehörige*r traumatisiert ist, wenn Du Dir (präventiv) Wissen über Trauma für die Erziehung/Begleitung Deines Kindes aneignen magst.





